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Loretta Seglias ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Historischen Seminars der Universität Basel. Sie ist Expertin für das Verdingkinderwesen in der Schweiz.
Literaturhinweise
- «Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen», herausgegeben von Marco Leuenberger und Loretta Seglias, Zürich 2008, Rotpunktverlag. ISBN 3-85869-382-0,
320 Seiten.
- «Enfance sacrifiée. Témoignages d’enfants placés entre 1930 et 1970», herausgegeben von Geneviève Heller, Pierre Avvanzino, Cécile Lacharme, Lausanne 2005, Editions EESP. ISBN
2-88284-046-2, 144 Seiten.
www.verdingkinder.ch
Verdingkinder in der Schweiz
Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein wurden in der Schweiz jährlich Zehntausende fremdplatzierte, schulpflichtige Kinder in erster Linie als willkommene, billige Arbeitskräfte betrachtet und vornehmlich in der Landwirtschaft eingesetzt. Diese Kinder wurden- regional unterschiedlich- mitunter als Verdingkinder oder Kostkinder, von offizieller Seite auch als Pflegekinder bezeichnet. Sie waren überwiegend elternlos, unehelich geboren oder kamen aus armen oder zerrütteten Familien. Die meisten von ihnen stammten aus dem Kanton Bern, wenngleich alle Kantone der Schweiz diese Form der Fremdplatzierung kannten. Daneben bestanden regionale Ausprägungen, wie etwa die Schwabengänger in der Ostschweiz oder die Spazzacamini im Tessin und Teilen Graubündens sowie spezielle «Zielgruppen», wie beispielsweise bei den Kindern der Landstrasse.
Das Verdingkinderwesen in der Schweiz ist eng mit dem Begriff der Armut verknüpft. Sie zwang viele Eltern, ihre Kinder frühzeitig in den Arbeitsprozess einzugliedern. In der Fremdplatzierung von Kindern und Erwachsenen, welche durch die öffentliche Hand unterstützt werden mussten, sahen die Gemeinden eine kostengünstige Lösung der Armenunterstützung. Gleichzeitig hatte diese Praxis auch einen sozialdisziplinierenden Charakter, weshalb viele Eltern, dieser Massnahme vorgreifend, ihre Kinder selbst platzierten.
Viele Kinder kamen an zufriedenstellende Plätze, doch die oftmals mangelhafte Kontrolle und Aufsicht – bis 1978 fehlte eine gesamtschweizerische gesetzliche Regelung des Pflegekinderwesens – begünstigte körperlichen und seelischen Missbrauch, zu starke Arbeitsbelastung und mangelhafte Schulbildung. Verdingkinder gehörten vielfach zum Gesinde, der Familienanschluss wurde ihnen oftmals verwehrt. Die Folge waren Isolation und fehlende Zuneigung. Die dabei gemachten Erfahrungen waren für viele Betroffene einschneidend und für das ganze Leben prägend.
Immer wieder meldeten sich einzelne Kritiker zu Wort, doch erst im Laufe des 20. Jahrhunderts begann man sich zunehmend um das leibliche und geistige Wohl des Kindes zu kümmern. Durch die Mechanisierung der Landwirtschaft, ein starkes Wirtschaftswachstum, neue Formen der sozialen Sicherung sowie die Professionalisierung in der sozialen Arbeit verschwand diese Form der Fremdplatzierung zunehmend.
Verfasst durch Loretta Seglias, April 2010
Kontakt Lic.phil. Loretta Seglias Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Historischen Seminars der Universität Basel und freischaffende Historikerin Telefon: 043 535 11 59 loretta.seglias@unibas.ch
www.verdingkinder.ch
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