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1924 in St. Gallen geboren, lebt Arthur Honegger nach der Geburt zuerst zwei Jahre im Waisenhaus und wird dann an Pflegeeltern abgegeben. Einweisung in die psychiatrische Beobachtungsstation Stefansburg, danach in Heimen und Arbeitserziehungsanstalten. Das ehemalige Verdingkind war Mitglied des grossen Rates des Kantons St. Gallen, Journalist u.a. beim Blick und ist Autor und Experte für das Thema der Verdingkinder in der Schweiz. Er lebt heute im Toggenburg.
Literaturhinweis (Auswahl)
- «Die Fertigmacher», erweiterte Neuausgabe von Arthur Honegger, Frauenfeld 2005, Verlag Huber. ISBN 3-7193-1354-9, 340 Seiten.
Film
- «Turi – Ein Film über Arthur Honegger», erschienen als DVD beim Weltbild Verlag.
www.arthurhonegger.ch
Kurzbiografie Mein Leben begann am 27. September 1924 in St. Gallen. Die Vormundschaftsbehörde nahm mich meiner Mutter weg und brachte mich ins Waisenhaus Tempelacker. 1926 wurde ich zu Pflegeeltern nach Tann-Dürnten ZH geschoben, besuchte da die Primarschule unter schwierigen Umständen: Eine schwere Wirtschaftskrise, verbunden mit grosser Armut, prägte eine Gesellschaft, die auf allen Ebenen autoritär beherrscht wurde. In der Pflegefamilie waren abwechslungsweise noch andere Pflegekinder, ein Junge war sogar aus Berlin: Das Pflegegeld war ein willkommener finanzieller Zustupf. 1938 brachte mich mein Vormund, der sonst nur mein Zeugnis unterschrieb, nach Zürich in die psychiatrische Beobachtungsstation Stefansburg, wo ich drei Monate blieb und von da ins Pestalozziheim Schlieren verbracht wurde. Nach der Sekundarschule statt einer Lehre anderthalb Jahre bei einem Bauern verdingt, 1941 in die Arbeitserziehungsanstalt Uitikon eingewiesen. Danach arbeitete ich unter massivem Druck von der Anstalt her bei Bauern, in Zürich als Ausläufer, Kellner, im Zürcher Oberland auf dem Bau als Mineur, Reitbursche. 1949 heiratete ich Heidi Vogelbach, verarmte mit meiner Familie. Im Gutsbetrieb Schloss Wildegg erlitt ich eine Magenblutung und lag acht Wochen im Kantonsspital Aarau. Lohn wurde nicht mehr bezahlt. 1958 bei Sulzer in Winterthur Werkstattschreiber, 1960 wurde ich Sekretär der SP Thurgau, 1962 Studienreise nach Israel, danach Redaktor bei «Blick», für den ich sieben Jahre u.a. im Bundeshaus Bern, in Berlin West und Ost, Frankfurt, Wien, Tel Aviv, Jerusalem, Washington etc. arbeitete; danach 10 Jahre Chefredaktor «Diners Club Magazine», kehrte 1979 zu Ringier zurück, arbeitete 13 Jahre als Kolumnist für «Blick» und für alle Ringier-Blätter als freier Journalist. 1974 erschien mein erstes Buch «Die Fertigmacher». Inzwischen sind es 24 Bücher geworden. 2004 entstand der biografische Film «Turi» der Filmemacherin Lotty Wohlwend. Ich lebe mit meiner Frau in unserem Haus in Krummenau im Toggenburg, seit 33 Jahren.
Ein Ausschnitt aus meinem Leben als Verdingkind Die dritte Klasse der Sekundarschule war für mich ein prägendes Erlebnis: Ich hatte gute Noten, einen Lehrer, der mir auf allen Feldern des Lernens behilflich war, die Aussichten waren sehr gut sowohl für die Kantonsschule als auch für eine Lehre, beispielsweise als Schriftsetzer. Beides hätte sogar geklappt. Doch es kam anders: Mein Vormund war weder für das eine noch das andere zu haben. Er liess mir mitteilen, dass ich von jetzt an mein Leben «selber verdienen» müsse. Es war ein vernichtender Entscheid für mich. Ich war 1940 noch drei Wochen nach Schluss der Schule im Pestalozziheim in Schlieren, danach Lehrer und Knecht im Militärdienst nach der 2. Generalmobilmachung. Anfang Juni sagte der Heimleiter Gusti Fausch, dass ich aus dem Heim entlassen werde. Ich packte den Segeltuchkoffer und machte mich reisefertig. Gusti nahm mir alle Bücher weg und dann brachte er mich zu einem Bauern ganz in der Nähe. Auf dem Weg dahin erzählte er mir, dass mein Vormund es so befohlen habe, ich müsste von jetzt an mein Leben selber verdienen. Er lieferte mich bei dem Bauern wie ein Kalb ab. Der Bauer brachte mir die Regeln gleich am ersten Tag bei: Er hatte unter der Treppe in den oberen Stock ein Brett montiert und eine Kiste davorgestellt: Das war mein Platz zum Essen. Er machte mir klar, dass ich hier nur geduldet sei. Lohn gebe es keinen, Geld verderbe den Charakter. Jeden Morgen stand ich um halb fünf auf, mistete den Pferdestall aus, putzte das Pferd, mistete den Kuhstall aus und half beim Melken. Tagsüber arbeitete ich auf dem Feld, ackerte mit Pferd und Stier, ich war immer auf den Beinen. Auch wenn die anderen Mittagsrast hielten, hatte er eine Arbeit für mich, und abends ebenso. Niemand sprach mit mir, weder die Bäuerin noch die Kinder noch die Nachbarn. Wenn ich auftauchte, wandten sie sich ab. Als ein schweres Hagelwetter hereinbrach und einen Teil des schönen Obstgartens zerstörte, schlug er mich halb tot. Er prügelte auf mich ein, weil ich versucht hatte, ihn zu trösten. Ich lag auf dem Scheunenplatz, blutete am Rücken und am Kopf, verlor zeitweilig das Bewusstsein. Danach sperrte er mich vier Tage in den Saustall. Ich sah ihn nur, wenn er die Schweine fütterte. Als ich sagte, ich hätte Hunger, sagte er: «Im Sautrog hat’s genug zu fressen.» Im Herbst stürzte eine Kuh ins Güllenloch. Wer war schuld? Ich natürlich. Nachdem wir die Kuh mühsam geborgen hatten, schlug er mich zum zweiten Mal mit einer Weidenrute halb tot. Ich lag eine Woche ohne Essen im Bett, erholte mich kaum mehr. Ich dachte, ob es nicht besser wäre, meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich versuchte, mich von der Heubühne ins Tenn zu stürzen. Es ging nicht, es ging einfach nicht. Der Alte hielt mich wie ein Sklave. Ich sah nie einen roten Fünfer für meine Arbeit. Er schlug immer eifriger auf mir herum, er tötete vor meinen Augen den kleinen Hund des Nachbarn, er erwürgte ihn mit blossen Händen und sagte zu mir: «Pass auf, dass dir das nicht passiert!» Fast anderthalb Jahre war ich bei ihm. Kein Mensch kümmerte sich um mich. Weder Gusti, der angeblich mein «Beistand» war, noch mein Vormund. Ich vegetierte dahin, immer in der Angst, eines Tages doch noch totgeschlagen zu werden. Mein Meister war zu dieser Zeit Gemeinderat, Präsident der Armenpflege, Präsident der Landw. Genossenschaft. Er hielt am 1. August die Festrede. Ja, er war ein angesehener Mann in der Gemeinde. Und dann, endlich, tauchte mein Vormund auf. Er redete mit dem Alten, er ging wieder, ohne ein Wort mit mir zu reden. Drei Wochen später holte er mich ab und verbrachte mich in die Arbeitserziehungsanstalt Uitikon a.A. Ohne ein Wort mit mir zu reden. Keine Fragen, nichts. Als er ging, sagte er: «Deine Mutter war eine Hure, dein Vater ein Zuchthäusler. Und jetzt bist du da, wo du hingehörst!» Ja, ehe ich’s vergesse: Ich habe für die anderthalb Jahre bei dem Bauern nicht ein einziges Mal einen Rappen Lohn bekommen. Sie haben mir mehr als 30 Jahre meines Lebens gestohlen. Fast 20 Jahre brauchte ich, um aufzuholen. Das Schreckliche: Zehntausenden Buben und Mädchen ist es genauso ergangen wie mir, und viele, viel zu viele sind daran zugrunde gegangen. Verdingkinder, bis in die Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts.
Verfasst von Arthur Honegger, April 2010
www.arthurhonegger.ch
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